„Basis einer guten Landarztpraxis ist ein funktionierendes und harmonisches Team“

Landarztpraxis Erfahrungsbericht

Dr. Thomas Autenrieth ist Landarzt im Ammertal, wo er vor fast zwanzig Jahren eine eigene Praxis übernommen hat. Welchen Menschen er täglich in seiner Landarztpraxis begegnet, wie er seine Praxis finanziert hat und warum er „den schönsten Beruf, den es gibt“, hat, erzählt er arzt & karriere in seinem Erfahrungsbericht.

Nach meinem Studium hatte ich zunächst vor, als Arzt in Indien tätig zu sein. Ein damaliges Hilfsprojekt lag mir sehr am Herzen, doch das hat nicht geklappt. Mein Plan B war es aber immer, Landarzt zu werden. Als Facharzt für Allgemeinmedizin habe ich mich damals, vor fast zwanzig Jahren, um eine Praxis in Oberbayern bemüht. Ein Kollege hatte einen Nachfolger für seine Praxis im Landkreis Garmisch-Partenkirchen gesucht, wir haben einige Male verhandelt und wurden uns einig. Ich kannte die Gegend, da ich in Weilheim in Oberbayern geboren wurde. Aufgewachsen bin ich im Remstal bei Stuttgart, wusste aber, wie schön es im Ammertal ist. Meine damalige Ehefrau war selbstverständlich mit dem Umzug einverstanden.

Der Preis von knapp 140.000 Euro, den ich für die Praxis bezahlt habe, war damals üblich, und die Finanzierung war ebenfalls einfach. Die apoBank hatte das Konzept, dass ich vorgelegt hatte, für lohnend befunden und mir 140.000 Euro Darlehen auf zehn Jahre vorgestreckt. Mittlerweile sollte eine Praxis auf dem Land aber nichts mehr kosten, auch wenn das viele meiner Kolleg:innen anders sehen. Aber bei dem Mangel an Landärzt:innen wären junge Kolleg:innen schön blöd, wenn sie viel bezahlen sollten. Anderswo suchen Gemeinden schließlich dringend solche Ärzt:innen, wie wir es sind. Oft werden zunächst sogar Räume gestellt, die Kassenärztliche Vereinigung finanziert oder fördert manchmal mit und die Umsätze sind gut. Ich habe meine Nachfolge bereits jetzt geregelt und werde die Praxis in etwa zehn Jahren an meine jetzige angestellte Ärztin übergeben.

Enge Bindung zu Patient:innen – vom Pfarrer bis zur Yogalehrerin

Ich habe nicht das Gefühl, dass es die jungen Menschen weg vom Land in die Stadt zieht, wie man immer hört. Unsere Praxis ist vom Patienten-Klientel sehr jung. Dennoch ist es schwer, gutes Personal zu finden und zu halten. Wir pflegen ein gutes Klima und natürlich bezahle ich deutlich über Tarif. Voraussetzung und Basis einer gut gehenden Landarztpraxis ist das funktionierende und harmonische Team und da habe ich seit Jahren sehr viel Glück.

In der Praxis begegnen mir sehr viele unterschiedliche Patient:innen: die Einheimischen, Tourist:innen, Asylbewerber:innen, Durchreisende, Zugezogene und viele, viele Kinder, es gibt nämlich keinen Kinderarzt in der Nähe. Vom Trachtler über den Bürgermeister, vom Herrn Pfarrer bis zur Yogalehrerin – eigentlich alle, die hier leben, gehen bei mir ein und aus.

Ich würde sagen, wir haben auf dem Land eine große Bindung zu unseren Patient:innen. Ich weiß sehr viel über meine Patient:innen, betreue manchmal drei oder vier Generationen in einer Familie. Natürlich sind die Sorgen der Einheimischen anders als in der Stadt, da geht es zum Beispiel um Tourismus oder Landwirtschaft. Ich glaube aber, es kommt auf den Arzt oder die Ärztin an, wie weit er oder sie sich in seiner Praxis auf die Sorgen der Patienten einlässt.

Tagesgeschäft und Bürokratie als Herausforderungen für die Landarztpraxis

Die größte Herausforderung in unserer Praxis ist das sogenannte „Tagesgeschäft“, also alle Termine, Anfragen, Bedürfnisse, Notfälle und sonstige Patientenwünsche mit dem Praxis-Team so zu integrieren, dass jeder Arbeitstag gut, freundlich und ohne unnötige Missverständnisse vorüber geht. Und das Tag für Tag, Woche für Woche, jedes Quartal und Jahr für Jahr. Im besten Fall so, dass es fast immer Freude macht und das Team, unsere Nerven und unsere Körper gesund bleiben. Ich glaube aber, das kann in der Landarztpraxis viel besser funktionieren als in der Stadt, in der Klink oder im MVZ.

Es wäre allerdings schön, wenn nicht immer von Budgetrestriktionen, Regressen und unsinniger Bürokratie die Rede wäre. Jede neue Regierung versucht, die Strukturen innerhalb unserer Selbstverwaltung, der KV, so zu erleichtern, dass die Angst oder Abschreckung gemildert wird. Ich habe aber leider nicht den Eindruck, dass wir Hausärzt:innen auf dem Land in den letzten Jahren irgendeine sinnvolle, nachhaltige Erleichterung oder Anerkennung bekommen haben. Wir haben ein gutes Image in der Bevölkerung und die politischen Parteien wissen das – aber das Tagesgeschäft müssen wir selbst erarbeiten und uns und unser Team mit genügend Selbstvertrauen selbst beklatschen.

Arbeit und Freizeit selber gestalten

Wer sich heutzutage entscheidet, als Landarzt oder Landärztin eine Praxis zu eröffnen, soll wissen, dass er oder sie den schönsten Beruf hat, den es für mich gibt. Man ist weitestgehend selbstständig, kann die Sprechzeiten selbst so gestalten, dass genügend freie Zeit für die Familie und sich selbst bleibt. Wenn man keine allzu kostspieligen Hobbys hat, lebt es sich sehr gut, finde ich. Die Familie, falls es die zum Zeitpunkt der Praxisgründung überhaupt schon gibt, muss von Anfang an mitreden und mitentscheiden können, dann lässt sich das Privatleben auch leichter mit dem Job vereinen und das ist wirklich sehr angenehm.

Die Entscheidung, Landarzt zu werden, hat mein Leben positiv beeinflusst. Es sollte aber auch ein schönes Leben in jeder anderen Tätigkeit als Arzt oder Ärztin möglich sein. An meinem Job liebe ich genau das, was wir im Team täglich machen. Ich kann meine Arbeit im Rahmen selbst gestalten, jeder Tag ist abwechslungsreich, ich verdiene gut und fühle, dass mein Beruf sinnvoll ist. Ich persönlich würde nie etwas anderes machen wollen.


landarztpraxis erfahrungDr. Thomas Autenrieth, geb. 1966, hat in Erlangen studiert und seine fachärztliche Weiterbildung in der Allgemeinmedizin und Palliativmedizin gemacht. Seit etwa zwanzig Jahren führt er eine Praxis in Saulgrub im Landkreis Garmisch-Partenkirchen und ist überzeugter Landarzt. In seiner Freizeit verbringt er gerne Zeit in seinem Garten mit seiner großen Patchwork-Familie, spielt Darts und ist Fan des VfB Stuttgart.

 

 


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