„Psychologische Hilfe sollte allen zustehen“

Startup Selfapy App Medizin

Psychische Störungen und Erkrankungen treten in vielen Erscheinungsformen auf und gehören zu den weitverbreitetsten Beeinträchtigungen: So schätzt die Weltgesundheitsorganisation (WHO), dass weltweit etwa 300 Millionen Menschen von Depressionen betroffen sind. Die drei Gründerinnen von Selfapy haben deshalb ein klares Ziel vor Augen: den Mangel an Psychotherapieplätzen durch die Digitalisierung kompensieren. Wie genau das Start-up den Patient:innen durch ihre App hilft, erzählt uns Gründerin und Psychologin Nora Blum im Interview. 

Frau Blum, erzählen Sie uns doch etwas zu Ihrem Produkt und wie es zur Initialzündung der Gründung kam.
Selfapy ist Deutschlands führender Anbieter für Online-Therapien bei psychischen Belastungen und wurde im Februar 2016 von Nora Blum, Kati Bermbach und Farina Schurzfeld in Berlin gegründet.
In Deutschland leiden 18 Millionen Menschen an einer psychischen Erkrankung wie Burnout, Depressionen oder Angststörungen. Oftmals müssen sie bis zu sechs Monate auf eine Behandlung warten. Selfapy bietet Menschen in psychischen Belastungssituationen begleitete, anonyme und flexible Unterstützung. Das dreimonatige Programm wurde von erfahrenen Psychologen:innen entwickelt und basiert auf Ansätzen der kognitiven Verhaltenstherapie. Viele Krankenkassen und Versicherungen übernehmen die Kosten des Angebots.

Was ist eure Vision hinter Selfapy und welchen konkreten Nutzen wollt ihr stiften?
Die Online-Programme von Selfapy sollen dabei helfen, die Versorgungssituation für Millionen von Menschen mit einer psychischen Belastung zu verbessern. In Deutschland wartet man im Durchschnitt drei bis sechs Monate auf einen Psychotherapieplatz – zudem ist das Thema immer noch stark stigmatisiert. Rund 40 Prozent der Menschen mit psychischen Störungen, insbesondere in strukturschwachen Gebieten, werden zu selten, zu spät und nicht leitliniengerecht behandelt. Die daraus resultierenden Krankheitskosten sind hoch. Mit Selfapy bieten wir Menschen mit psychischen Belastungen wie Depressionen, Angststörungen, Burnout und Essstörungen schnelle und professionelle Hilfe. Hierzu haben wir dreimonatige Online-Therapiekurse entwickelt, die Nutzern die Strategien der kognitiven Verhaltenstherapie beibringen. Begleitet werden diese durch wöchentliche Gespräche per Telefon oder Chat durch eine:n persönliche:n Psychologen:in. Eine unabhängige Studie des Uniklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) konnte zeigen, dass das Online-Programm von Selfapy signifikant die Depressionssymptomatik reduziert.

Mit welchem Geschäftsmodell möchtet ihr Geld verdienen beziehungsweise wie soll die Refinanzierung aussehen?
Wir glauben nicht daran, dass der/die Patient:in für seine Gesundheit zahlen sollte. Daher haben wir schon immer auf eine enge Zusammenarbeit mit Krankenkassen gesetzt. Zukünftig wird es dank des Inkrafttretens des Digitale-Versorgung-Gesetzes (DVG) möglich sein, sich unsere psychologischen Online-Kurse als Patient:in einfach und kostenfrei per Rezept von seinem Arzt/ seiner Ärztin verschreiben zu lassen.

Was war oder ist eure größte Herausforderung?
Die Erstattungsfähigkeit kann sich als herausfordernd erweisen, lange Entscheidungszyklen erschweren es beispielsweise mit einzelnen Kassen Verträge zu schließen. Durch das DVG werden uns hier ganz neue Türen geöffnet. Auch die Akzeptanz von Psychotherapeuten:innen steigt, langsam wächst die Offenheit für Online-Möglichkeiten.

Welche persönliche Einstellung, Skills und Kompetenzen habt ihr mitgebracht, um als Unternehmer in die Medizinbranche durchzustarten? Und wieso habt ihr euch gegen eine „sichere“ Karriere und für eine Gründung entschieden?
Leidenschaft ist super wichtig. Als Psychologinnen sind wir intrinsisch motiviert und haben ein großes Interesse daran, anderen Menschen zu helfen. Wir sind den Schritt der Gründung gegangen, da wir als praktizierende Psychotherapeutinnen zwar einzelnen Menschen helfen, aber nicht das System verändern können.

Welche Tipps könnt ihr angehenden Gründern innerhalb der MedTech-Branche geben?
Wir raten dazu, das zu machen, was einen wirklich bewegt, wofür man eine Leidenschaft hat. Es bedarf viel Geduld, denn die Gesundheitsszene ist schwierig zu knacken. Aber der Weg lohnt sich bereits, wenn man auch nur einer Handvoll Patienten helfen kann.


Startup Selfapy App MedizinNora Blum ist CEO und Gründerin von Selfapy. Sie hat an der University of Cambridge Psychologie studiert und verschiedene Arbeitsstationen im klinischen Bereich durchlaufen. Danach wechselte sie in die Wirtschaft und arbeitete für Rocket Internet im Unternehmensaufbau. Bereits im Studium entstand der Wunsch, Menschen mit psychischen Erkrankungen durch Online Programme niederschwellige Hilfe zu ermöglichen. Anfang 2016 gründete sie Selfapy.


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