„Die Gastroenterologie lebt von ihrer Interdisziplinarität“

Liebe geht durch den Magen, heißt es. Aber ungeachtet des Sprichworts ist die Verdauung einer der zentralen Vorgänge im menschlichen Körper. Mit diesem Teilgebiet der Inneren Medizin befasst sich die Gastroenterologie. Was die fachärztliche Weiterbildung in diesem Bereich besonders spannend macht und für wen sich eine Karriere darin eignet, erklärt Dr. Christoph Treese von der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS).

Herr Treese, warum sollten sich Nachwuchsmediziner:innen Ihrer Meinung nach für eine Weiterbildung in der Gastroenterologie entscheiden?
Aus meiner Sicht liegt der Reiz der Gastroenterologie in ihrer übergreifenden Betrachtungsweise. Wir konzentrieren uns nicht nur auf ein Organ, sondern beschäftigen uns mit einem System mehrerer Organe (Magen, Darm, Bauchspeicheldrüse und Leber) in der Mitte des Körpers. Diese können auf vielfältige Weise erkranken. Hierdurch befassen wir uns mit einem breiten Spektrum von Krankheitsmechanismen, die onkologisch, toxikologisch, infektiologisch oder autoimmun sein können. Dies bedingt wiederum, dass wir im Krankenhaus interdisziplinär arbeiten und es viele Schnittstellen zu anderen Fächern wie der Onkologie, Viszeralchirurgie, Rheumatologie und Radiologie gibt. Dadurch behandeln wir Patient:innen jeglicher Altersstufe und Konstitution.

Weiterhin spannend an der Gastroenterologie ist, dass neben der klassischen internistischen Welt auch die große Welt der Endoskopie existiert. Neben Gastroskopien und Koloskopien gibt es dabei spannende Herausforderungen mit anspruchsvollen Interventionen an Verdauungstrakt und Gallenwegen.

Wer nach einem Fach sucht, das differentialdiagnostisch anspruchsvoll und abwechslungsreich ist, und wer Lust hat, neben Denkarbeit auch in der Endoskopie handwerklich tätig zu werden, der ist in der Gastroenterologie genau richtig.

Welche Kompetenzen, die über das fachspezifische hinausgehen, muss man in der Gastroenterologie mitbringen?
Wie gerade beschrieben, lebt die Gastroenterologie von ihrer Interdisziplinarität. Teamfähigkeit ist daher eine wichtige Eigenschaft. Weiterhin sollte man Spaß an kniffligen Fällen und differentialdiagnostischem Denken haben. Da auch wir, wie viele andere Fächer, unter hohem wirtschaftlichem Druck stehen, sollte man sich nicht vor Arbeit scheuen und auch in Notfallsituationen eine ruhige Hand haben.

Gibt es Prognosen zum Nachwuchsbedarf in Ihrem Fachgebiet?
Das ist eine Frage, die man gar nicht so leicht beantworten kann. 0,1 Prozent der deutschen Bevölkerung studieren momentan Medizin, und laut einer Umfrage der Kassenärztlichen Vereinigung streben davon fast 20 Prozent den Facharzt für Innere Medizin an. Das ist erst einmal eine gute Nachwuchsprognose für die Innere Medizin und damit auch für die Gastroenterologie. Im Moment sieht man aber auch, dass auf offene gastroenterologische Facharztstellen nur wenige Bewerber:innen kommen. Weitere Daten hierzu sind mir nicht bekannt. Ich bin allerdings auch der Meinung, dass man sich von solchen Überlegungen bei der Wahl der Ausbildung nicht leiten lassen sollte. Wer Spaß an seinem Fach hat, wird auch gute Arbeit machen und seinen Platz finden.

Haben Sie Tipps für Fragen, die Studierende stellen könnten, um eine geeignete Ausbildungsstelle zu finden?
Die erste Frage ist hier natürlich, ob es ein strukturiertes Ausbildungsprogramm gibt. Diese Frage werden die meisten Weiterbildungsbefugten bejahen. Ich würde mir daher ein für die Klinik typisches Curriculum beschreiben lassen. Hier bekommt man dann ein Gefühl dafür, ob das Ausbildungsprogramm nur auf dem Papier existiert oder auch aktiv angewandt wird.

Am Anfang der Ausbildung strebt man danach, in möglichst kurzer Zeit alle Rotationen und Logbucheinträge durchzubekommen. Das ist sicher auch richtig, noch wichtiger ist aber, dass die Inhalte stimmen. Wenn man zwei Jahre länger für die Ausbildung braucht, in dieser Zeit aber zum Beispiel sehr gut Endoskopieren gelernt oder sich Expertise in speziellen Krankheitsbildern angeeignet hat, dann ist das aus meiner Sicht deutlich besser, als im Schnelltempo eine Standardausbildung erhalten zu haben. Einen tieferen Einblick in die Ausbildungsphilosophie einer Abteilung erhält man am ehesten durch eine Hospitation, wo man sich mit den Assistent:innen unterhalten kann.

Was sind und werden die großen medizinischen Fortschritte in Ihrem Fachbereich sein?
Mit Blick auf meinen persönlichen onkologische und endoskopische Schwerpunkt sehe ich als größten Fortschritt der letzten Jahre die zunehmende Etablierung von Immuntherapie bei unseren onkologischen Patient:innen mit einer deutlichen Verbesserung der Prognose. Auch die zunehmenden Möglichkeiten in der Endoskopie erlauben es uns, immer häufiger endoskopische Tumorresektionen vorzunehmen, anstatt invasive Eingriffe zu tätigen.

Auch der Einsatz von Künstlicher Intelligenz erobert neuerdings die Endoskopie. Zwischengeschaltete KI-Module können bei Koloskopie zuschauen und innerhalb von Millisekunden Polypen identifizieren und für den/die Untersucher:in kenntlich machen. Aus meiner Sicht ist das ein großer Schritt in Richtung einer noch besseren Darmkrebsvorsorge.

Wie sieht es mit der Work-Life-Balance aus, die jungen Leuten bei der Berufswahl zunehmend wichtig ist?
Das Thema Work-Life-Balance ist in den ersten Arbeitsjahren eine schwierige Sache. Auch wenn die Ausbildung im Studium sehr gut ist, gleicht der Arbeitsbeginn einem Sprung ins kalte Wasser und ist gespickt mit Überforderungen. Bis man sich hier eingelebt hat, steht es leider schlecht um die Work-Life-Balance. Je erfahrener man wird, desto besser wird es allerdings. Durch die vielen Subspezialisierungen dieses Faches ist es dann möglich, in Spezialambulanzen zu arbeiten oder in die Endoskopie einzusteigen. Hier sind Teilzeitmodelle möglich und werden in unserem universitären Setting auch gelebt. Wichtig ist aber, dass man als endoskopierende:r Ärzt:in im Krankenhaus immer auch Bereitschaftsdienste wahrnehmen muss. Wer also immer nachts, am Wochenende und an Feiertagen frei haben möchte, wird hier in Schwierigkeiten geraten.

Ist die Gastroenterologie ein klassischer Klinikberuf oder kann man sich auch selbstständig machen, etwa in einer Praxis?
Als Fachärzt:in für Gastroenterologie hat man sehr gute Chancen, sich selbstständig zu machen. Neben der Sprechstundentätigkeit ist die Hauptaufgabe hier die Durchführung von Kolo- und Gastroskopien. Wie in allen Bereichen ist es eher die Frage, wo man sich niederlassen möchte. Hier in Berlin gibt es etwa 70 Kassensitze, die natürlich heiß begehrt und entsprechend teuer zu erkaufen sind. In ländlichen Bereichen sieht das natürlich ganz anders aus. Von Gesprächen mit niedergelassen Kolleg:innen weiß ich, dass die Herausforderungen oder Hürden vor allen Dingen im organisatorischen und im wirtschaftlichen Bereich liegen. Wer daran Freude hat und gerne endoskopiert, ist in der Niederlassung wahrscheinlich an der richtigen Stelle. Außerdem ist das Gehalt als niedergelassene:r Gastroenterolog:in im Vergleich zu anderen Fachärzt:innen überdurchschnittlich gut.

Wie sieht es mit der generellen Arbeitsbelastung von Gastroenterolog:innen in der Klinik aus?
Da die Gastroenterologie so ein breites Krankheitsspektrum abdeckt und die Endoskopie einen wichtigen Teil der Standarddiagnostik darstellt, besteht eine hohe Arbeits- und Dienstbelastung, vergleichbar mit operativen Fächern. Allerdings ist auch der Bedarf hierdurch groß. Gastroenterolog:innen werden überall gebraucht und sind neben der Kardiologie die wichtigste Säule der inneren Medizin in fast jedem Krankenhaus.

Gibt es Spezialisierungen innerhalb Ihres Fachgebiets, die Sie besonders spannend finden?
Aktuell am interessantesten finde ich immunologische Fragestellungen. Wir behandeln viele verschieden Autoimmunerkrankungen wie autoimmune Hepatitis, Pankreatitis oder chronisch-entzündliche Darmerkrankungen. Weiterhin ist die Immuntherapie in der Onkologie sehr erfolgreich, aber auch mit autoimmunen Nebenwirkungen assoziiert. Der Eingriff in immunologische Prozesse ist mitunter sehr komplex, daher sieht man immer wieder neue Manifestationen dieser Erkrankungen und der Nebenwirkungen unserer Therapien. Wer sich gerne als gastroenterologischer Dr. House betätigen will, wird sich in der gastroenterologischen Immunologie sehr wohlfühlen.

Was wird momentan in der Gastroenterologie besonders häufig diskutiert?
Das wahrscheinlich am meisten diskutierte Thema ist zunehmende Entdeckung des Darm-Mikrobioms. Etwa 100 Billionen Bakterien wohnen in unserem Darm und haben Einfluss darauf, ob wir dick oder dünn sind, zu depressiven Stimmungen neigen oder an Autoimmunerkrankungen leiden. Dieses kleine Universum in unserem Darm scheint auf viele Bereiche im Leben einen großen Einfluss zu haben. Gefühlt findet im Moment daher kein Forschungsprojekt mehr statt, bei dem nicht auch Stuhl gesammelt wird, um die Einflüsse des Mikrobioms zu untersuchen.

Würden Sie gerne die Chance nutzen, um mit einigen Vorurteilen gegenüber Ihrem Fachbereich aufzuräumen?
Das gängigste Vorurteil gegenüber der Gastroenterologie ist natürlich der übermäßige Kontakt mit Stuhl, Gestank auf der gesamten Station und eine entsprechend schlechte Stimmung. Dass man häufiger über Stuhl spricht als in anderen Fächern, ist selbstverständlich. Allerdings muss man auch nicht täglich bei allen Patienten den Stuhl visitieren. In der Endoskopie muss man zudem sagen, dass ein gut vorbereiteter Darm nicht stinkt. Zum Schluss ist es so, dass es auf das Setting ankommt: Wenn man privat in einen Hundehaufen tritt, ist das eklig. Wenn man fachlich orientiert im Krankenhaus Stuhl visitiert, um einem/einer kranken Patient:in zu helfen, ist das erträglich und führt kaum zu Ekel.

Welche konkreten Nachwuchsförderprogramme bietet Ihre Gesellschaft an?
Wir bei der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauung- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) machen uns seit einigen Jahren verstärkt Gedanken über die Nachwuchsförderung innerhalb des Verbands. Ziel ist es, dass jede:r, der/die sich für das Fach entschieden hat, die besten Bedingungen hat, um den Weg zu gehen, den er/sie sich wünscht. Zwei Felder sind uns in der DGVS hier besonders wichtig: die Förderung von Wissenschaft und die Förderung von klinischen Fähigkeiten. Als Erstes haben wir eine Summer School ins Leben gerufen, bei der junge Kolleg:innen eigene Ideen für klinische Studien präsentieren können und an denen im Rahmen des Workshops gefeilt und optimiert wird. Diese werden im Anschluss von Profis aus der Fachgesellschaft geprüft und bewertet. Ziel ist es, die Chancen für Förderanträge solcher Studienkonzepte zu verbessern und innerhalb der gastroenterologischen Gemeinschaft eine Plattform für derartige Projekte zu bieten. In diesem Jahr findet dieses erfolgreiche Format zum fünften Mal (coronabedingt im November) statt.

Ein weiteres Format ist die Winter School. Hier geht es darum, Kolleg:innen in den ersten Jahren klinisch zu unterstützen. Im Rahmen des Workshops werden hier klinische Fertigkeiten wie Sonographie und erste Schritte in der Endoskopie, aber auch differentialdiagnostisches Vorgehen und Therapiealgorithmen vermittelt.

Neben diesen beiden fest etablierten Veranstaltungen bauen wir momentan ein Workshop-Format auf, bei dem es die Möglichkeit gibt, in spezialisierten Zentren in Deutschland Schulungen über eine Woche zu den entsprechenden Fachthemen zu machen. Weiterhin bieten wir demnächst eine Online-Hospitationsbörse an und planen ein eigenes Mentoringprogramm.

Für Studierende, die erst noch überzeugt werden müssen, wie toll unser Fach ist, bietet unsere Nachwuchsinitiative „Die Welt braucht Ärzte für den Bauch“ eine jährliche Bauchschau in den Universitäten (coronabedingt leider nicht in diesem Jahr), Tutorenprogramme auf unserem Jahreskongress und kurzweilige und prägnante Informationen auf unserer Website für Nachwuchsgastroenterologie.


Dr. med. Christoph Treese ist Oberarzt und Lehrkoordinator in der Klinik für Gastroenterologie, Rheumatologie und Infektiologie der Charité Universitätsmedizin Berlin. Außerdem ist er Mitbegründer und aktueller Sprecher der Jungen Gastroenterologen von der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS).

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