“Der Bedarf an augenmedizinischen Leistungen wird steigen”

Weiterbildung Augenheilkunde

Viele Medizinstudierende und PJler:innen tun sich in der Entscheidung für ihre fachärztliche Weiterbildung schwer: Immerhin werden hier die Weichen für die spätere Karriere gestellt. Ein besonders vielseitiger Bereich, in dem die verschiedensten Behandlungsmethoden zu finden sind, ist die Augenheilkunde. Wie die Weiterbildung darin aussieht und für wen sich das Berufsfeld eignet, sagen Ihnen Dr. Ahmad Zhour und Dr. Myriam Böhm vom Berufsverband der Augenärzte Deutschlands e.V. (BVA).

Was spricht Ihrer Meinung nach besonders für eine Weiterbildung in der Augenheilkunde?
Die Augenheilkunde ist aus mehreren Gründen ein sehr attraktives Fach:

  • Sie ist ein Fach mit vielen Innovationen und guter Zukunft
  • Augenärzt:innen können bei fast allen sehbedrohenden Krankheiten mit Diagnostik und Therapie das gute Sehen meistens erhalten oder dessen Minderung lange herauszögern
  • Augenheilkunde ist ein sinnliches Fach: Augenärzt:innen sehen fast alle Diagnosen direkt oder indirekt – Augenärzt:innen untersuchen sowohl die Funktion als auch die Morphologie
  • Augenärzt:innen behandeln alle Altersgruppen vom kleinen Kind bis zum hochbetagten Menschen
  • Das Fach umfasst viele Subspezialitäten und sowohl operative als auch konservative Tätigkeiten

Welche Eigenschaften sollte man als gute:r Augenärzt:in mitbringen?
Das sind insbesondere Verantwortungsbewusstsein, Zuverlässigkeit und Bereitschaft zu langfristiger Fort- und Weiterbildung.

Wie sieht der momentane und zukünftige Bedarf an Nachwuchs in Ihrem Fachbereich aus?
Der Bedarf an augenmedizinischen Leistungen wird in den kommenden Jahren zum einen aufgrund der demografischen Entwicklung steigen, da die häufigsten sehbedrohenden Krankheiten mit dem Alter erheblich zunehmen. Zum anderen sorgt die Innovationskraft des Fachs dafür, dass die Behandlungsmöglichkeiten immer besser werden, so dass immer mehr Patienten geholfen werden kann – die Behandlungen aber zum Teil sehr aufwändig sind. Laut einer Statistik der Kassenärztlichen Bundesvereinigung waren Ende 2019 die Altersstruktur der an der vertragsärztlichen Versorgung teilnehmenden AugenärztInnen wie folgt: 3,4% unter 34 Jahre 9,9% zwischen 35 und 39 Jahre 24,6% zwischen 40 und 49 Jahre 34,5% zwischen 50 und 59 Jahre 17,3% zwischen 60 und 65 Jahre 10,3% älter als 65 Jahre (Quelle: Statistische Informationen aus dem Bundesarztregister 2019, S .16)

Was würden Sie jungen Mediziner:innen empfehlen, wenn sie herausfinden wollen, ob sich eine Weiterbildungsstelle für sie eignet?
Vor Antreten einer fachärztlichen Weiterbildung ist es empfehlenswert, eine Hospitation in dem angestrebten Krankenhaus beziehungsweise beim/bei der Weiterbildungsbefugten zu absolvieren. So kann ein erster Eindruck des möglichen Arbeitsablaufs gewonnen werden sowie erste Gespräche mit den zukünftigen Arbeitskolleg:innen geführt werden. Zudem kann der/die Bewerber:in sich mit anderen Weiterbildungsassistent:innen des Hauses austauschen und von Ihren Erfahrungen profitieren, um sich für oder auch gegen einen Arbeitgeber zu entscheiden.

Folgende Kriterien und Fragen sind bei der Wahl des Arbeitgebers zu erwägen und im Vorstellungsgespräch empfehlenswert:

  1. Besteht die volle Weiterbildungsbefugnis an der Weiterbildungsstelle oder muss ich die Stelle wechseln (ist zum Beispiel eine Weiterbildung in einer Sehschule möglich)?
  2. Gibt es einen Rotationsplan, so dass alle notwendigen Kenntnisse zur Facharztprüfung erlernt werden können?
  3. Gibt es die Möglichkeit einer operativen Weiterbildung?
  4. Werden regelmäßige Fortbildungen angeboten und Fortbildungstage gewährleistet?
  5. Wie ist der Umgang im Team untereinander?
  6. Gibt es Nacht- und Wochenenddienste und wie ist die Dienstbelastung des/der einzelnen Weiterbildungsärzt:in?

In welchen Bereichen der Augenheilkunde waren und sind besonders große medizinische Fortschritte zu verzeichnen?
Die Intravitreale operative Medikamentengabe (IVOM) ins Augeninnere hat in den vergangenen Jahren die Behandlungsmöglichkeiten von Netzhauterkrankungen enorm erweitert – diese Therapien sind heute in der breiten Praxis angekommen und tragen dazu bei, Sehbehinderung oder Erblindung in vielen Fällen zu verhindern. Moderne diagnostische Verfahren wie die Optische Kohärenztomographie (OCT) bieten hervorragende Möglichkeiten beispielsweise zur Verlaufskontrolle von Augenkrankheiten und haben das Verständnis krankhafter Prozesse wesentlich erweitert. Die Kataraktchirurgie und refraktive Chirurgie ist ebenfalls einem hohen Niveau, doch auch hier gibt es bei den Operationsmethoden immer noch Entwicklungen, welche die Sicherheit und die Präzision der Eingriffe verbessern. Weitere Neuerungen gibt es im Bereich der Gentherapie, die allerdings noch am Anfang stehen und für die allgemeine Patientenversorgung (noch) eine untergeordnete Rolle spielen. Auch Künstliche Intelligenz hat das Potenzial, Augenärzt:innen bei der Diagnose von Augenkrankheiten zu unterstützen. Erste Anwendungen gibt es diesbezüglich bereits.

Vielen Karriereeinsteiger:innen ist der Faktor Work-Life-Balance bei der Berufswahl zunehmend wichtig. Wie sieht es diesbezüglich in der Augenheilkunde aus?
Das Fach der Augenheilkunde bietet gute Möglichkeiten, sowohl als Angestellter in Kliniken zu arbeiten als auch in Praxen oder in einer eigenen Niederlassung. In allen genannten Bereichen sind heute Teilzeitmodelle möglich und werden auch vermehrt wahrgenommen, um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf und damit auch eine ausgewogene Work-Life-Balance zu ermöglichen.

Worauf sollten Augenärzt:innen achten, die sich gerne in Form einer eigenen Praxis selbstständig machen wollen?
Aktuell stehen die Chancen auf einen Kassensitz sehr gut. Regelmäßig sind in der Monatszeitschrift der Kassenärztlichen Vereinigung entsprechende Kassensitze inseriert. Allerdings ist heute mehr denn je die Bereitschaft gefragt, sich mit Zahlen, Einnahmen und Ausgaben, Investitionen und Umsatz von Anfang an zu befassen. Bei der Praxisübergabe wird darauf stets hingewiesen. Dann steht der Selbstständigkeit nichts mehr im Weg. Die Patient:innen in der augenärztlichen Versorgung sind in der Regel sehr dankbar und wertschätzend. Allerdings sollte man sich der Verantwortung im Rahmen des Versorgungsauftrags bewusst sein. Alternativ werden Partnerschaftskonzepte immer attraktiver, da hier die Arbeitszeit- und Urlaubsgestaltung flexibler sind.

Wie sehen Bedarf und Arbeitsbelastung in den Krankenhäusern derzeit aus?
Der Bedarf an Augenärzt:innen in Krankenhäusern ist vergleichsweise mäßig. Man wird immer eine Stelle finden, solange man örtlich flexibel ist, und liest auch regelmäßig im Deutschen Ärzteblatt Stellenanzeigen für Assistenzärzt:innen. Die Arbeitsbelastung ist teilweise hoch, dafür selten mit Überstunden verbunden. Auch die Nachtdienste fallen verglichen mit den meisten anderen Fächern überwiegend angenehm aus. Es empfiehlt sich, zumindest einen Teil der Weiterbildung in einer Universitätsaugenklinik anzustreben, um auch einen Blick in hochspezialisierte Bereiche werfen zu können.

Welche Spezialisierungen kann man der Weiterbildung folgen lassen?
Die Augenheilkunde bietet eine große Bandbreite an Themenschwerpunkten: Von der Strabologie – der Behandlung von Augenfehlstellungen – über die Diagnostik und Therapie des Glaukoms (sowohl medikamentös als auch operativ) bis hin zur Kataraktchirurgie und zur Retinologie. Das Auge ist zwar ein kleines Organ, doch es konfrontiert Augenärzt:innen mit ganz verschiedenen Herausforderungen.

Welche Themen werden in der Augenheilkunde besonders viel diskutiert?
Die Weiterentwicklung der IVOM zur Behandlung von Netzhauterkrankungen richtet sich zum einen auf die Entwicklung neuer Therapeutika, zum anderen auf Möglichkeiten, die Behandlungsintervalle zu verlängern und so die Belastungen für Patient:innen und Gesundheitswesen zu minimieren. Innovationen im Bereich der Diagnostik spielen ebenfalls eine große Rolle und finden laufend statt: Die Optische Kohärenztomographie beispielsweise hat das Wissen um krankhafte Prozesse im Auge enorm erweitert. Auch der Einsatz von Künstlicher Intelligenz hat das Potenzial, die modernen Verfahren noch effizienter zu nutzen.

Gibt es falsche Vorurteile gegenüber Ihrem Fachgebiet, die sie besonders stören?
Vielleicht glaubt der/die eine oder andere, Augenheilkunde in der Praxis habe nichts mehr mit „richtiger Medizin“ zu tun. Da kann man aus der Praxis heraus ganz klar widersprechen: Wir arbeiten eng und täglich mit Hausärzt:innen, Internist:innen, Kardiolog:innen, Gefäßchirurg:innen, Gynäkolog:innen, Radiolog:innen, Rheumatolog:innen, Endokrinolog:innen, Neurolog:innen und Vertreter:innen anderer Fachbereiche zusammen! Wir sehen Gefäßverschlüsse, die auf eine Carotisstenose hinweisen, und bewahren den Patient:innen damit vor einem Schlaganfall. Wir sehen Auswirkungen lebensgefährlicher Infektionen wie bei Neurolues nicht selten als Erstmanifestation und bewahren die Patient:innen vor einem weiteren Ausbruch der Erkrankung. Wir sehen geschwollene Sehnerven und lassen diese neurologisch/radiologisch abklären und so weiter und so fort.

Wie unterstützt Ihr Verband den medizinischen Nachwuchs?
Im Berufsverband der Augenärzte Deutschlands (BVA) vertreten wir als Assistentenbeauftrage die Interessen des medizinischen Nachwuchses. Es gibt Angebote speziell für die angehenden Augenärzt:innen wie das BVA-Facharzt-Repetitorium. Der BVA vermittelt zudem interessierten Studierenden Hospitationen in den Praxen von niedergelassenen Augenärzt:innen. So können sie in einem frühen Stadium der Ausbildung die tägliche Praxis der Ophthalmologie kennenlernen und erste Kontakte knüpfen.


Dr. Ahmad Zhour ist Facharzt für Augenheilkunde an der Universitätsaugenklinik Tübingen. Seit November 2018 ist er Assistentensprecher beim Berufsverband der Augenärzte Deutschlands e.V. (BVA).

Dr. Myriam Böhm ist Assistenzärztin in Weiterbildung an der Universitätsaugenklinik Frankfurt. Darüber hinaus ist sie seit 2016 Assistentenbeauftragte des Berufsverbandes der Augenärzte Deutschlands e.V. (BVA).

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