Die Angiologie: ein „kleines“ Fach mit großem Wachstum

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Da die Angiologie ein relativ neuer Bereich der Inneren Medizin ist, wird sie noch eher selten zur Weiterbildung in Betracht gezogen – somit ist der Bedarf an Nachwuchs groß. Die Sprecherinnen der „Jungen Angiologen“, Frau Dr. Blödt, Frau Dr. Böhme und Frau Dr. Sonnenschein können Sie über einige Dinge in ihrem Fachgebiet aufklären.

Wodurch zeichnet sich Ihrer Meinung nach die Angiologie als spannendes Fach aus?
Die Angiologie ist eines der jüngsten Teilgebiete der Inneren Medizin. Es bestehen sehr viele Schnittstellen zu anderen Gebieten der Inneren Medizin und anderen Fachdisziplinen. Neben der konservativen Angiologie bietet die interventionelle Angiologie die Möglichkeit, durch den Einsatz katheterinterventioneller Techniken die verschiedenen Gefäßprobleme zu behandeln. Es ist zudem ein Fach, in dem es noch sehr viel zu erforschen gibt. Gerade die Vielfältigkeit zur stationären und ambulanten, interventionellen und konservativen Behandlung sowie die Möglichkeit für klinische Forschung und Grundlagenforschung macht das Fach abwechslungsreich und interessant. Die Fachgesellschaft bietet eine gute Möglichkeit zum fachlichen und persönlichen Austausch.

Abgesehen von den fachlichen Kompetenzen, welche Kenntnisse sollte man noch mitbringen?
Zahlreiche Krankheitsbilder der Angiologie haben einen sehr interdisziplinären Charakter wie beispielsweise die Karotisstenose, das diabetische Fußsyndrom, die Vaskulitiden oder Tumorassoziierte Thrombosen. Aufgrund der Verzahnung mit vielen anderen Disziplinen ist eine gute Form der Kommunikation und Teamfähigkeit von Vorteil. Sowohl im Fachgebiet selbst als auch an den Schnittstellen zu anderen Fachdisziplinen sind Weitsicht, Kombinationsfähigkeit, Neugierde und Interesse am Patienten essenzielle Voraussetzungen zur pragmatischen Problemlösung. Die Angiologie ist überdies ein Fachgebiet, bei dem viele diagnostische Verfahren wie Ultraschalldiagnostik, Schnittbildgebung und Angiografie visuelle Kompetenzen erfordern.

Gibt es, ähnlich wie in anderen Bereichen, in der Angiologie auch einen Nachwuchsmangel?
Aufgrund der demografischen Entwicklung wird die Anzahl der Patienten mit Gefäßproblemen – zum Beispiel periphere arterielle Verschlusskrankheiten (PAVK) oder tiefe Venenthrombosen – zunehmen. Da die Angiologie wie bereits erwähnt der jüngste internistische Schwerpunkt ist, gibt es einen besonders hohen Bedarf, da es viele Regionen gibt, in denen nur wenige Angiologen verfügbar sind. Wie in vielen anderen internistischen Fächern gibt es auch bei uns einen höheren Anteil an älteren Kollegen/innen. Interessierter Nachwuchs ist zwar da, aber der Bedarf wird nicht ausreichend gedeckt.

Der Ort der Weiterbildung ist sicherlich ebenso wichtig wie die Weiterbildung selbst. Worauf sollte man bei beidem achten?
Eine gewisse Selektion kann vorgenommen werden, wenn man für sich schon entschieden hat, ob man einen konservativen oder interventionellen Schwerpunkt in seiner Karriere anstreben möchte. Die Weiterbildung sollte strukturiert und transparent sein und ein Rotationsplan sollte gezeigt werden können. Nützlich sind in jedem Fall auch Hospitationen, um in Kontakt mit anderen jungen Kollegen/innen zu treten und so „real-life“-Einblicke in den Ablauf und Rückmeldung über die Weiterbildung zu bekommen.

Junge Ärzte/innen sollten am Beginn des Arbeitslebens nach Möglichkeiten den sogenannten „common trunk“ inklusive notwendiger Fortbildungsmöglichkeiten (wie zum Beispiel Notfallmedizin oder Strahlenschutz), aber auch Rotationsmöglichkeiten bezüglich anderer internistischer Fachdisziplinen absolvieren. Bei fortgeschrittenem Weiterbildungsstand sind spezifische angiologische Themen von Bedeutung und abhängig vom angestrebten Schwerpunkt.

Können Sie uns ein paar medizinische Fortschritte aus der Angiologie nennen? Wie stark ist die Künstliche Intelligenz in den Bereich eingebunden?
In den letzten Jahren konnten durch neue Entwicklungen im Bereich der endovaskulären Therapie sehr gute Fortschritte erreicht werden. Die Forschung muss weiter intensiviert werden, unter anderem muss die Behandlung von Engstellen an den Unterschenkelgefäßen weiter verbessert werden. Ebenso steht die interventionelle Therapie von venösen Gefäßerkrankungen noch am Anfang. Patienten mit einer peripheren arteriellen Verschlusskrankheit haben eine sehr hohe Morbidität und Mortalität. Hier müssen Anstrengungen unternommen werden, um dies zu optimieren. Auch im Bereich der kardiovaskulären Risikofaktoren, dem Gebiet der Versorgungsforschung oder der rehabilitativen Medizin gibt es in der Angiologie Ansätze, teilweise natürlich auch in Zusammenarbeit mit den kardialen Begleiterkrankungen, da es hier viele Parallelen gibt. Künstliche Intelligenz spielt bislang noch eine untergeordnete Rolle, aber der Bedarf an Digitalisierung ist sehr hoch. Aktuell arbeiten die „Jungen Angiologen“ an einer App, die den Patienten das Gehtraining bei Claudicatio intermittens erleichtern soll. Die weitere Entwicklung ist spannend und bleibt abzuwarten.

Eine gute Verbindung aus privatem und beruflichem Leben ist ein wichtiger Punkt für viele angehende Ärzte/innen. Wie ist die Work-Life-Balance und gibt es bei Ihnen die Möglchkeit eines Teilzeitmodells?
Gerade im konservativen und ambulanten Bereich der Angiologie sind Teilzeitmodelle sehr gut umzusetzen. Allerdings kommt dies im stationären Sektor stark auf die Bereitschaft der jeweiligen Klinik an. Abhängig von der gefäßchirurgischen, radiologischen oder allgemeininternistischen Akutversorgung sind je nach Klinik auch keine spezifisch angiologischen Bereitschaftsdienste zu erwarten, anders als in Fächern wie der Kardiologie oder Geburtshilfe.

Der eingangs erwähnte Abwechslungsreichtum und die vielen möglichen klinischen Einsatzgebiete sind es, die die Angiologie als Fach gerade für Frauen mit Familienwunsch oder Ärzte/innen der Generation Y genauso attraktiv machen wie für junge Ärzte/innen, die eine universitäre Karriere anstreben.

 

„Die Angiologie ist ein sehr interdisziplinäres Fach mit verschiedensten
Patienten und Krankheitsbildern“

 

Wie stehen die Chancen oder Möglichkeiten als Angiologe/in eine Praxis zu eröffnen oder zu übernehmen?
Es gibt in vielen Regionen Deutschlands keine ausreichende Versorgung mit Angiologen. Darüber hinaus gibt es sinnvolle Tätigkeitsfelder gerade für die Praxis, wie beispielsweise die Betreuung von Patienten mit fortgeschrittener Atherosklerose, PAVK, venösen Thromboembolien, chronisch venöser Insuffizienz, Varikosis, Raynaud-Syndrom oder Vaskulitiden. In einigen Bundesländern besteht darüber hinaus die Möglichkeit, im ambulanten Bereich ein eigenes Katheterlabor zur interventionellen Therapie der PAVK zu betreiben oder als Belegarzt tätig zu sein. Auch die Arbeit im Rahmen eines medizinischen Versorgungszentrums ist sicher eine gute Alternative. Besonders im ambulanten Bereich besteht die Möglichkeit der Teilzeittätigkeit, was die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ermöglicht.

Und wie sieht es in den Krankenhäusern aus? Besteht dort eine hohe Arbeitsbelastung?
Die Arbeitsbelastung entspricht sicherlich der Arbeitsbelastung in anderen internistischen Bereichen. Je nach Dienstmodell sind Bereitschaftsdienste vorgesehen oder nicht. Eigenständige angiologische Abteilungen sind selten, der Bedarf wird häufig von kardiologischen Abteilungsleitungen definiert. Die angiologischen Teams sind meist klein und übersichtlich.

Sie haben jetzt schon ein paar Spezialisierungen des Fachs angesprochen. Können Sie diese etwas mehr erläutern?
Zunächst kann man sich entscheiden, ob man eine Karriere in der konservativen oder interventionellen Angiologie anstrebt. Die konservative Angiologie bietet die Basis. Dann können Schwerpunkte entsprechend der Gefäßsysteme gesetzt werden (arterielle Gefäßerkrankungen, tiefe Venenthrombose, Varikosis, Lymphologie). Zudem ist eine Spezialisierung in Richtung struktureller oder funktioneller Gefäßerkrankungen möglich. Die Hämostaseologie und Thromboseforschung ist eine weitere Spezialisierung, die einige Angiologen vertiefen. Obwohl die Fachdisziplin oft zu den „kleinen“ Fächern gezählt wird, ist also eine Spezialisierung angesichts des rasch wachsenden Erkenntnisgewinns in diesem Fach je nach Interessenlage durchaus möglich.

Zu welchen Themen werden wird in der Angiologie zurzeit besonders viel diskutiert?
Im Bereich der katheterinterventionellen Techniken sind es neue Devices, aber auch die Patientensicherheit bei der Anwendung Paclitaxel-beschichteter Geräte und die besonderen Herausforderungen bezüglich Indikation und Intervention unterhalb des Knies. Im Bereich der Venenerkrankungen ist es die interventionelle Therapie von proximalen Thrombosen. Weitere Diskussionen ergeben sich in der medikamentösen Therapie beispielsweise im Hinblick auf die antithrombotische Therapie oder postinterventionelle Strategien. Die Angiologie beinhaltet, beziehungsweise hat große Überschneidungen, mit dem Fachgebiet der Phlebologie und bietet auch die Möglichkeit der interventionellen Therapie von Varizen.

Gibt es gegen den Fachbereich Vorurteile, die Sie gerne auflösen möchten?
Häufig hat die Angiologie leider immer noch das „Gammelfuß“-Image. Man sollte vielmehr sehen, dass die angiologischen Patienten schwer kranke, häufig multimorbide Patienten sind, sei es in Bezug auf die Risikofaktoren (zum Beispiel Diabetes mellitus), Begleiterkrankungen (wie die terminale Niereninsuffizienz mit Dialysepflichtigkeit) oder Autoimmunerkrankungen (rheumatische Erkrankungen oder Ähnliches). Gefäßerkrankungen betreffen nicht nur die klassische PAVK-Klientel, sondern auch junge Patientengruppen. Zum Teil zählen auch Jugendliche und Kinder zum angiologischen Patientengut. Seltene Gefäßerkrankungen können angeboren sein und bei jungen Patienten zur besonderen Herausforderung werden. Somit sind Ärzte/innen in der Angiologie stark gefordert und benötigt eine breite internistische Ausbildung.

Welche Arten von Nachwuchsförderungen bieten Sie in Ihrer Gesellschaft an, um junge Mediziner in der Weiterbildung zu unterstützen?
Das Forum „Junge Angiologen“ hat zum Ziel, junge Ärzte/innen für die vaskuläre Medizin zu interessieren und über Karrieremöglichkeiten in der Angiologie zu informieren. Es soll der Forschungsförderung ebenso dienen wie der Netzwerkbildung junger Gefäßmediziner und der angiologischen Fort- und Weiterbildung. Das Forum arbeitet im engen Austausch mit der Kommission Forschung, Lehre und Nachwuchsförderung der Deutschen Gesellschaft für Angiologie.

Für die Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Angiologie und die vaskuläre Summer School werden jedes Jahr Stipendien vergeben. Hier gibt es Möglichkeiten zum fachlichen und persönlichen Austausch durch „hands-on“-Übungen.

Spezifische Mentoring-Programme werden bislang nicht angeboten, die überschaubare Größe der Fachgesellschaft und unkomplizierte Formalitäten zum Beitritt bieten jedoch Raum und Möglichkeit, aus persönlichen Kontakten zu profitieren und an Fortbildungsveranstaltungen als Teilnehmer oder aktiv teilzunehmen.

 


Über die Interviewpartnerinnen

Von links nach rechts: Frau Dr. Blödt, Frau Dr. Sonnenschein und Frau Dr. Böhme  © Junge Angiologen

Dr. med. Kathrin Blödt (Sprecherin), Universitätsklinikum Ulm
Kathrin Blödt studierte Humanmedizin am Universitätsklinikum Ulm. Sie ist seit Anfang 2012 als Ärztin, zunächst in Weiterbildung, seit Juli 2018 als Fachärztin für Innere Medizin und Angiologie in der Abteilung für Innere Medizin II tätig. Seit Mitte 2019 ist sie Leiterin der Angiologischen Ambulanz.

Dr. med. Kristina Sonnenschein (Sprecherin), Medizinische Hochschule Hannover
Kristina Sonnenschein studierte Humanmedizin an der Universität Duisburg-Essen. Seit 2016 ist sie Fachärztin für Innere Medizin und Kardiologie und seit 2019 Fachärztin für Angiologie an der Medizinischen Hochschule Hannover und seit diesem Jahr Funktionsoberärztin der Klinik für Kardiologie und Angiologie der MHH.  

Dr. med. Tanja Böhme (Sprecherin), Universitäts-Herzzentrum Freiburg Bad Krozingen
Tanja Böhme studierte Humanmedizin an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Ihre Facharztausbildung Innere Medizin und Angiologie absolvierte sie am Universitäts-Herzzentrum Freiburg-Bad Krozingen und am Unispital Basel (Schweiz). Seit 2018 ist sie Fachärztin für Innere Medizin und Angiologie und seit diesem Jahr Oberärztin am Universitäts-Herzzentrum Freiburg-Bad Krozingen.

 

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