„Mediziner:innen im öffentlichen Gesundheitsdienst sind wahre Alleskönner“

Interview mit Petra Köpping, Sächsische Staatsministerin für Soziales und Gesellschaftlichen Zusammenhalt

Sozialministerium Sachsen Öffentlichen Gesundheitswesen

Die Ärzte und Ärztinnen der Ämter kümmern sich derzeit viel um Tests und entscheiden über eine Quarantäne

Nicht zuletzt durch die Corona-Pandemie wurde die Aufmerksamkeit auf die Gesundheitsämter und die dort tätigen Ärzt:innen gelenkt. Dabei wurde deutlich, dass der Öffentliche Gesundheitsdienst (ÖGD) Nachwuchs braucht – auch nach der Pandemie. Petra Köpping, Sächsische Staatsministerin für Soziales und Gesellschaftlichen Zusammenhalt, hat mit uns über die Attraktivität einer Karriere im Gesundheitsamt und auch die des Bundeslandes gesprochen und wie sie den Öffentlichen Gesundheitsdienst unterstützen wollen. 

Frau Köpping, das öffentliche Gesundheitswesen gilt seit Jahren als personal­kritisch. Viele Ärzte und Ärztinnen in den Gesundheitsämtern gehen in den kommenden Jahren in Rente, gleichzei­tig fehlt der Nachwuchs. Wa­rum er­scheint die Ar­beit im öffentlichen Ge­sund­heitswesen für viele Ärzte und Ärztinnen eher unattraktiv?
Vielleicht sind viele der Ansicht, dass es sich um reine Verwaltungsarbeit handelt. Sie ziehen deshalb eine Niederlassung als Arzt oder eine Anstellung in einer Klinik vor. Weil die Tätigkeit in den Ge­sundheitsämtern offensichtlich nicht so be­kannt war, ist es gut, dass nun mehr dafür ge­worben wird. Eine wesentliche Aufgabe der Ämter sind die Prävention und Gesundheitsförderung, aber auch die Beratung bei bestimmten Krankheitsbildern. Solche Aufklärungen werden oft mit großer Dankbarkeit angenommen. Eine sehr lohnenswerte Arbeit und ein häufiger Kontakt zu Menschen, die ge­sundheitliche Probleme haben.
Zudem überwachen die Ämter die Hy­gi­ene in wichtigen öffentlichen Institutionen, insbesondere in Gemeinschaftseinrichtungen für Kinder und Jugendliche und in Gesundheitseinrichtungen. Sie untersuchen Kita- und Schulkinder und über­wachen deren Ge­sundheitszustand. Sie schaffen damit die Basis für unser al­ler Gesundheit. Das ist wahrlich nicht un­attraktiv. Es ist paradox, dass sich oft nicht genug Interessent:innen für diese Tä­tigkeit finden lassen.

Durch die Corona-Krise bekommt dieser Bereich eine enorme Aufmerksamkeit, die Gesundheitsämter sind das Boll­werk gegen die Verbreitung des Virus. Ist es auch eine historische Chan­ce, das öffentliche Bild der Arbeit im öffentlichen Gesundheitswesen zu korrigieren?
Ich sehe die Corona-Pandemie nicht als historische Chance, sondern als eine aku­te und vorher nie dagewesene Be­drohung der öffentlichen Gesundheit. Es geht um die Gesundheit der Menschen. Es geht um Leben. Wir müssen diese Pandemie mit aller Kraft bekämpfen. Dafür brauchen wir starke Gesundheitsämter. Dass sie bisher für viele unter dem Radar geblieben sind, also wenig wahrgenommen wurden, liegt auch da­ran, dass sie gut und geräuschlos gearbeitet haben. Nun wird für einen großen Teil der Öffentlichkeit klar, welche Verantwortung auf den Ämtern lastet.

Welches sind in der aktuellen Krise die für Sie personell größten Herausforderungen in den Gesundheitsämtern? Be­­­nötigen Sie beispielsweise Unterstützung von Medizin-Studierenden?
Die Gesundheitsämter müssen gerade alles leisten: Sie bewerten die Lage me­di­zinisch und beraten die Landrät:innen und Oberbürgermeister:innen. Sie stellen tausendfach Einzeldiagnosen und ent­scheiden über Quarantäne und Testung. Sie koordinieren die Corona-Richtlinien an Einrichtungen wie Pflegeheimen und Schu­len. Sie entscheiden auch über den Verlauf der Fußball-Bundesliga, über Mes­sen und Veranstaltungen. Sie organisieren Te­le­fondienste, um die Kontaktketten nach­zuverfolgen.
Weil das Arbeitsaufkommen nicht mit der herkömmlichen Personalkapazität zu schaffen war, helfen Beschäftigte aus an­deren Ämtern und der Bundeswehr. Wir haben auch Freiwillige, die bei der Kontaktnachverfolgung helfen. Und es gab auch viele Medizin-Studierende, die dort mitgeholfen haben, Menschen in Quarantäne oder Institutionen zu betreuen. Aber natürlich ging dies zurück, als das Studium im Herbst wieder anfing.

Wenn ich mich in Nachwuchsmediziner:innen hineinversetze, die überlegen, eine Wei­terbildung zum Facharzt oder Fachärztin für Öf­fentliches Ge­sundheitswesen zu beginnen, wäre für mich wichtig, welchen Stel­lenwert er in den einzelnen Bundesländern hat. Wie würden Sie die Frage für Sachsen beantworten?
Ich würde die Arbeit der Mediziner:innen im öffentlichen Gesundheitsdienst als univer­sell bezeichnen. Es ist eine feste Säu­le unseres Gesundheitssystems, die nicht ins Wanken kommen darf. Die Be­schäftigten beraten Menschen mit me­dizinischen Problemen. Sie kontrollieren Hygi­e­nestandards überall dort, wo Menschen zusammenkommen. Sie er­stel­len Regeln, sodass Wirtschaft, Sport, Kunst und Kultur möglich sind. Sie sind wahre Alleskönner.

Worauf kann sich ein Arzt oder eine Ärztin, wenn sie sich für eine Stelle (im ÖGD) in Sachsen entscheiden, verlassen? Gibt es konkrete materielle oder ideelle Unterstützung oder eine gewisse Philosophie, die ihnen dauerhaft wertschätzend begegnen?
Ärzte und Ärztinnen, die sich für den öffentlichen Gesundheitsdienst entscheiden, werden in den Gesundheitsämtern mit offenen Armen empfangen. Sie er­war­tet ein multiprofessionelles Team, das sich gemeinsam für die öffentliche Ge­sundheit einsetzt. Der Erwerb der Fach­arztkompetenz zum Facharzt oder zur Fachärztin für Öf­fentliches Gesundheitswesen wird durch die Ämter und das Sächsische Staatsministerium für So­ziales und Gesellschaftlichen Zusammenhalt unterstützt. Regelmäßige Fortbildungen bilden einen wich­tigen Aspekt der Tätigkeit im ÖGD.

Der Ausbau des öffentlichen Gesundheitswesens wird in den kommenden Jahren auch vom Bund unterstützt. Gleichzeitig stehen die kommunalen Ge­sundheitsämter vor der Herausforderung, in einem sowieso schon engen Markt stark rekrutieren zu müssen. Wie können Sie aus dem Sozialministeri­um heraus die kommunalen Partner dabei unterstützen?
Indem wir für eine Beschäftigung im öffentlichen Gesundheitswesen werben. Wir stehen fachlich mit den Gesundheitsämtern in Kontakt und werben bei den Trägern, den Landrät:innen und Oberbürgermeister:innen um eine gute personelle und technische Ausstattung. Wir werden nach der Bewältigung der Coronakrise sehr aufmerksam verfolgen, dass die Ge­sundheitsämter nicht Streichungen zum Opfer fallen, weil es vielleicht dann aktuell gerade keine Pandemie gibt. Sie können sicher sein, wir werden alle politischen Hebel betätigen, damit das nicht passiert. Wer das vorhaben sollte, hätte aus der aktuellen Lage nichts gelernt.

Wir haben uns gefragt, ob Bundesländer nicht ähnlich wie Unternehmen auch für eine bestimmte Arbeitgebermarke stehen sollten. Übertragen auf die Karriereplanung eines Arztes oder ei­­­ner Ärztin würden wir die Frage so stellen: Warum ist Sachsen das Bundesland, in dem ich für den Öffentlichen Gesundheitsdienst arbeiten sollte?
Es handelt sich um eine Beschäftigung im öffentlichen Dienst. Diese wird von vielen als sicherer wahrgenommen, als etwa Beschäftigungen in privaten Unternehmen. Die Beschäftigten in den Ge­sundheitsämtern sind eng in die Entscheidungsfindung ihrer Landkreise und Städ­te eingebunden. Viele Behörden ­erlegen sich Kriterien für eine gute Vereinbarkeit von Beruf und Familie auf und werden dafür zertifiziert. Ganz abgesehen von der guten Qualität des Dienstherrn ist es schön, in Sachsen zu leben. Es ist ein Land reich an Kultur, mit guter Infrastruktur und hoher Lebensqualität. Viele junge Mediziner:innen entscheiden sich nach dem Studium hier auch sesshaft zu werden und eine Familie zu gründen.
Aber natürlich ist die Konkurrenz um die jungen Ärztinnen und Ärzte groß, deshalb ist auch der öffentliche Arbeitgeber aufgefordert, die Attraktivität seiner Jobs ständig zu erhöhen.


Sozialministerium Sachsen Öffentlichen GesundheitswesenPetra Köpping ist Sächsische Staatsministerin für Soziales und Gesellschaftlichen Zusammenhalt.
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