Die fachärztliche Weiterbildung: Die Qual der Wahl

Wie genau entscheide ich mich für die richtige Weiterbildung und wie erkenne ich eine oder einen erfahrenen und kompetenten Weiterbildungsbefugten? Diese und weitere Fragen rund um das Themengebiet „Gute Weiterbildung“ beantwortet uns Dr. med. univ. Feras El-Hamid.

Der Weg zur erfolgreichen Weiterbildung führt über das stetige Entwickeln der eigenen Berufsperspektive und der Umsetzung an einer geeigneten Stelle. In erster Linie muss zu Beginn des Be-rufs­­lebens eine mittel- und langfristige Perspektive entwickelt werden um die Ziele der eigenen Weiterbildung zu verfolgen und entsprechend zu erreichen.

Möglichkeiten der Weiterbildungsstätten
Für die Auswahl der passenden Weiterbildungsstätte stehen von niedergelassenen Praxen mit breiter Abdeckung in den konservativen Fächern bis hin zu Uniklinika und Maximalversorgern mit seltenen und hochkomplexen Krankheitsbildern, Therapien und Eingriffen denkbar viele Optionen zur Auswahl. Folglich ist auch die Umsetzung der Weiterbildungsordnung davon geprägt, ob­gleich sie letztlich für jede:n Weiterzubildende:n überall dieselben Vorgaben hat. Aber insbesondere mit der neuen Ausrichtung der Weiterbildungsordnung hin zu Kompetenzen muss hier berücksichtigt und abgedeckt werden, dass ein Fachgebiet sowohl in der Basis mit seinen Wurzeln in angrenzende Fächer erlernt werden muss, als auch Seltenes immer sicher erkannt und angewandt werden will.

Die Entscheidung für das richtige Fachgebiet
Bereits gegen Ende des Studiums sowie im PJ können Eindrücke von diversen Gebieten gewonnen werden, um im Weiteren die eigene Auswahl zu unterstützen. Hier lohnt sich bereits ein interessiertes Ausprobieren und Vertiefen. Insbesondere in den großen Fächern, der Inneren Medizin und der Chirurgie, kann in der Regel in frühen Weiterbildungsabschnitten auch die weitere Ausrichtung noch (ohne rechnerischen Zeitverlust) geändert werden. Selbst wenn hier einige Monate ohne Anrechnung verbleiben sollten, ein Gewinn für das Studium generale und die eigene Kompetenz verbleibt lebenslang.

Wie sieht das Leben nach der fachärztlichen Weiterbildung aus?
Der Zeitfaktor, im Hinblick auf das schnellstmögliche Erreichen des Facharzt­status, verbleibt letztlich nur relativ zu betrachten. Im konkreten Alltag än­dert sich hierdurch in den ersten Monaten zu­meist nur wenig. Falls ein:e Weiterbilder:in, respektive Chefarzt, bereits vor dem Abschluss der Weiterbildung wei­tergehende Tätigkeiten und Funktionen delegieren will, kann er das ungeachtet des Facharztstatus faktisch jederzeit (mit Verweis auf „Facharztniveau“ des Weiterzubildenden); andererseits ist nicht stets zu erwarten, dass aus Weiterbildungsassistent:innen im letzten Jahr nach erfolgreicher Prüfung plötzlich am Folgetag voll verantwortliche Oberärzte eines Funktionsbereiches ernannt werden.
Unter diesen Gesichtspunkten ist es eben umso wichtiger, die eigenen Kompetenzen angemessen und qualitativ hoch­wertig zu entwickeln und sich inhaltlich auch im Grenzbereich der überschnei­denden Fächer zu bewegen. Dies erfordert in Anbetracht der oft angespannten Alltags- und Arbeitssituationen insbesondere Geduld für das immer fortwährende (Er-)Lernen und ein starkes Durchhaltevermögen. Aus der Erfahrung heraus sind es die äußeren Gegebenheiten des Berufes, die der Passion „Arzt“ entgegenstehen und welche die Um­stän­de oft widrig erscheinen lassen. Hier hilft die Perspektiventwicklung der eigenen Karriere und des Berufslebens weiter; auch diese ändert sich erfahrungsgemäß mit der stetigen Weiterbildung und passt sich letztlich inhaltlich dem eigenen Arztsein an.

Die Indikatoren für die Wahl der richtigen Weiterbildungsstätte
Zur groben Identifikation von geeigneten Weiterbildungsstätten eigenen sich konkret die Evaluationen der Landesärztekammern, Projekte des Ärzteverbandes „Marburger Bund“ und auch der Kontakt zu den Berufsverbänden der entsprechenden Fächer. In der inhaltlichen Auseinandersetzung sollten bereits im Vorstellungsgespräch mit den Chefärzt:innen Erwartungen an die Weiterbildung und deren Umsetzung klar besprochen werden. Ein vom verantwortlichen Weiterbilder erstelltes Konzept liegt (als Vorgabe der Ärztekammer) obligat vor und sollte ausgehändigt werden. Insbesondere die zu erbringenden Rotationen und damit verknüpften Richtzeiten, bereits angestellte Kolleg:innen und die eventuell bestehenden Vorkenntnisse müssen berücksichtigt werden.
Wichtig sind die bekannten „Nadelöhre“ (beispielsweise die Intensivstation) und die teils auch extern abzuleistenden Rotationen (beispielsweise neurologische/pädiatrische Anästhesie) vorab zu besprechen und mit einer Perspektive bereits zu planen. Hier sollten auch eine mögliche Teilzeitanstellung (Anrechenbarkeit erst ab mehr als 50 Prozent Beschäftigung) oder eventuelle Ausfallzeiten (Elternzeit, Mutterschutz) thematisiert werden.
An dieser Stelle muss von niemandem erwartet werden sich bereits im Vorstellungsgespräch unumkehrbar festzulegen, jedoch sollten Chefärzt:innen diesbezügliche Möglichkeiten und Erwartungen seinerseits ebenfalls klar benennen und durchspielen können, insbesondere im Hinblick auf die erforderlichen Weiterbildungsinhalte, Rotationen und die hiermit verknüpften eigenen Wünsche des/der Weiterzubildenden.

Auch das Arbeitsumfeld ist für die Wahl der Weiterbildungsstätte zu berücksichtigen
Eine Hospitation zur Erkennung der abteilungsinternen Strukturen, Personalia, Abläufen und des Abteilungsaufbaus lohnt sich ganz besonders. Hier lernt man das tatsächlich vorliegende Arbeitsumfeld mit den Kolleg:innen und (idealerweise fest definierten) Mentor:innen kennen. Ein offenes Gespräch verrät schnell aus erster Hand, womit zu rechnen ist und welche Themen möglicherweise im Vorstellungsgespräch nicht so klar kommuniziert werden.
Die Frage nach der Einhaltung der verpflichtenden Entwicklungsgespräche ist ebenso wichtig wie die nach abteilungsinternen Problemen, nicht nur im Hinblick auf die Weiterbildung selbst, sondern gegebenenfalls auch in Bezug auf den eigentlichen Arbeitgeber. Hinterfragen von Fluktuation, Hierarchien und Arbeitsklima sind essentiell. Auch die apparative Ausstattung mit technischem Stand kann vor Ort vollumfänglich beurteilt und nach eigenen Vorstellungen bewertet werden. Ebenso ist das Beiwohnen einer (auch Oberarzt-/Chefarzt-)Visite sehr aufschlussreich und verrät optimal, wie um­fassend hier Weiterbildung am Patientenbett erfolgen kann.
Unbedingt sollte auch im Bewerbungsgespräch bereits angesprochen werden in welchem Umfang externe Fort- und Weiterbildung ermöglicht und (finanziell) gefördert wird. Hier zu zählen neben So­nographie- und Notarztkursen selbstverständlich auch Kongressteilnahmen und der verpflichtende Strahlenschutzkurs. In höheren Weiterbildungsjahren sollte ebenfalls wieder eine mittel- bis langfristige Perspektive mit den Chefärzt:innen beziehungsweise Weiterbilder:innen er­arbeitet werden. Hier darf offen über die erwartete Ausrichtung der Abteilung und möglicherweise entstehenden (Klinik- und Praxis-)Strukturen gesprochen werden.

Falsche Entscheidungen gibt es nicht!
Abschließend möchte ich jedem die Sorge davor nehmen, sich falsch zu entscheiden. Erfreulicherweise sind aktuelle Arbeitsmarktsituationen für junge Ärzt:in­nen sehr gut und ein gelernter Inhalt geht nicht mehr verloren; jedes Wissen wird man als Mediziner:in mal verwenden können. Wichtig ist, im schlimmsten Fall auch die Konsequenzen aus einer Fehlentscheidung zu ziehen. Der Alltag als Arzt erfordert ein besonders intensives Maß an Zeit und entsprechender Aufmerksamkeit neben all den anderen wichtigen Dingen im Leben, da muss die Zufriedenheit mit der Weiterbildung und dem Berufsleben passen. Nur so lässt sich die oben genannte Passion auch erhalten und weiter ausleben.


Wahl fachärztliche WeiterbildungAutor Dr. med. univ. Feras El-Hamid absolviert das letzte Jahr der Weiterbildung zum Facharzt für Innere Medizin und Kardiologie, Klinikum Oberberg. Er ist Mitglied der Kammerversammlung der Ärztekammer Nordrhein sowie stellv. Vorsitzender der Kreisstelle des Oberbergischen Kreises sowie Mitglied des Arbeitskreises „Junge Ärzte“ des Marburger Bundes Landesverbandes NRW, kooptiertes Mitglied des dortigen Landesvorstandes und Sprecherrat „Junge Ärztinnen und Ärzte“ im Marburger Bund Bundesverband.


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