„Die Diabetologie ist das klassische Querschnittsfach!“

Für angehende Mediziner:innen, die noch auf der Suche nach der richtigen fachärztlichen Weiterbildung sind, hat arzt & karriere einen Vorschlag: die Diabetologie! Welche Interessen und Fähigkeiten zukünftige Diabetolog:innen mitbringen sollten und warum die Weiterbildung in diesem Bereich besonders spannend ist, beantwortet Ihnen Prof. Dr. med. Monika Kellerer von der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG).

Frau Kellerer, warum ist die Diabetologie Ihrer Meinung nach das spannendste Fach für die Weiterbildung?
Egal, welche Fachrichtung ein Medizinstudierender einschlagen wird, mit Diabetes ist man im ärztlichen Handeln immer konfrontiert. Denn Diabetes mellitus ist eine sehr häufige, chronische Stoffwechselerkrankung, die Menschen jeden Alters betreffen kann. In Deutschland sind aktuell rund 7 Millionen Menschen daran erkrankt, wobei von einer Dunkelziffer von etwa 1,3 Millionen Menschen auszugehen ist. Daraus ergibt sich eine Erkrankungshäufigkeit in der Bevölkerung (Prävalenz) von rund 9,2 Prozent. Das Vorliegen eines Diabetes hat Auswirkungen im Rahmen jeder Operation, bei der Wundheilung und bezüglich der Folgeerkrankungen wie Erblindung, Nephropathien, Dialysepflichtigkeit und Amputationen der unteren Extremitäten. Außerdem beeinflusst er den Bereich Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Fettstoffwechselstörungen oder Adipositas und Schwangerschaft (Gestationsdiabetes). Das heißt: Die Diabetologie ist das klassische Querschnittsfach! Diabetolog:innen sind daher häufig auch Endokrinolog:innen, Nephrolog:innen, Angiolog:innen, Adipositasspezialist:innen oder auch Pädiater:innen.

Welche Fähigkeiten, die über die rein fachliche Expertise hinausgehen, sollte man als Diabetolog:in mitbringen?
Diabetologie gehört in den Bereich der Sprechenden Medizin. Gesprächsführung und sensible Beratung von Menschen mit Diabetes gehören daher zu den wichtigsten Soft Skills. Die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) bietet im Rahmen der Weiterbildung zur/zum „Diabetologin/Diabetologen DDG“ deshalb einen verpflichtenden Kommunikationskurs an. Zudem ist Diabetesbehandlung Teamarbeit. Ärzt:innen, Diabetesberater:innen, Ernährungsberater:innen und Pfleger:innen müssen Hand in Hand arbeiten.

Werden momentan und in Zukunft viele Diabetolog:innen gebraucht?
Der Bedarf an Ärzt:innen mit dem Schwerpunkt Diabetologie ist aufgrund der rasant anwachsenden Patient:innenzahlen ist riesig! Erhebungen ergaben, dass im Mittel 22 Prozent aller Klinikpatient:innen mit der Nebendiagnose Diabetes ins Krankenhaus kommen. Dabei steigt in Abteilungen, die sich verstärkt der Behandlung älterer, multimorbider Patient:innen widmen, der Anteil der Patient:innen mit Diabetes auf über 40 Prozent an. Daraus folgt, dass insgesamt etwa jede:r dritte bis fünfte Krankenhauspatient:in einen Diabetes hat, teils auch unerkannt. Im Jahr 2040 werden zirka 12 Millionen Menschen in Deutschland an Diabetes erkrankt sein. Der Bedarf an zukünftigen Diabetolog:innen wird noch verstärkt durch die zunehmende Überalterung der jetzigen Ärzt:innenschaft.

Unverständlicherweise sinkt gleichzeitig die Zahl der klinischen Lehrstühle für Diabetologie mit Direktionsrecht rasant. An den derzeit 37 staatlichen medizinischen Fakultäten in Deutschland ist das Fach nur noch mit acht bettenführenden Lehrstühlen repräsentiert (Stand März 2020).

Wie können Nachwuchsmediziner:innen, die Diabetolog:innen werden wollen, die Qualität der Weiterbildungsstellen erkennen?
Im Bereich Diabetologie sichert die DDG durch die Zertifizierung von Einrichtungen die Struktur-, Prozess- und Ergebnisqualität. Auf Nummer sicher geht man also mit der Wahl einer Weiterbildungseinrichtung, die von uns zertifiziert wurde. Eine Liste dieser Einrichtungen finden Sie auf unserer Website.

Wo werden innerhalb Ihres Fachbereichs derzeit besonders große Fortschritte erzielt?
Digitalisierung und Diabetestechnologie sind zentrale Themen der Diabetologie. Digitale Transformation verändert auch diesen Fachbereich inhaltlich und strukturell in allen Bereichen, etwa Forschung, Diagnostik, Monitoring, Therapie, Versorgung sowie Beratung, Aufklärung, Screening und Prävention. Diabetes ist eine „Datenmanagementerkrankung“: Patient:innen und Behandler:innen erheben unzählige Daten, die mithilfe digitaler Tools ausgewertet und der Diagnostik und Behandlung zugänglich gemacht werden. Selbstmanagement ist ebenso ein Thema wie Registerdaten für die Forschung. Die DDG entwickelt derzeit eine Elektronische Diabetesakte, welche die leitliniengerechte und evidenzbasierte Versorgung der Patient:innen sichern und Forschungsdaten generieren wird.

Auch der Bereich Telemedizin entwickelt sich in der Diabetologie rasant weiter. Beginnend mit einem Telemedizinischen Facharztkonsil für den Bereich Diabetisches Fußsyndrom werden hier in den kommenden Jahren auch Diabetesschulungen und andere Interventionen virtuell angeboten.

Die Diabetestechnologie ist von smarten Insulinpens über sensorgestützte kontinuierliche Glukosemessungen bis hin zu automatisierten Insulininjektionssystemen ein hoch innovatives und spannendes Gebiet. Auch Künstliche Intelligenz wird hier in Zukunft eine Rolle spielen.

Auch in der Pharmakotherapie gibt es zahlreiche Fortschritte. Hier sind die therapeutischen Möglichkeiten der sogenannten SGLT-2 Inhibitoren [SGLT = sodium glucose transporter] zu nennen, die blutzuckerunabhängig nephroprotektive und kardioprotektive Wirkung haben. Auch bei den inketinbasierten Therapieformen gibt es vielversprechende Neuentwicklungen, besonders mit Rezeptoragonisten, die gezielt an unterschiedlichen Rezeptoren biologische Effekte vermitteln und dies sogar zum Teil organspezifisch tun.

Ist in der Diabetologie eine ausgewogene Work-Life-Balance möglich?
Durch den beschriebenen Einsatz von Telemedizin und Diabetestechnologie gibt es bereits jetzt neue Möglichkeiten, Patienten komfortabel und gut zu versorgen. Das persönliche Gespräch wird zukünftig durch digitale Angebote ergänzt, die wiederum neue Arbeitszeitmodelle eröffnen. Die Coronapandemie hat diese Entwicklung zusätzlich stark beschleunigt und die gesetzlichen Rahmenbedingungen hierfür verbessert. In der Diabetologie bietet sich der Einsatz digitaler Medien in der Patient:innenbetreuung besonders an, was wiederum neue Chancen im Bereich Work-Life- Balance eröffnet.

Besteht die Möglichkeit, sich als Diabetolog:in selbstständig zu machen?
Die Diabetologie ist sowohl im stationären als auch im ambulanten Bereich verortet. Diabetesschwerpunktpraxen bieten ein breites Spektrum an diabetologischer Versorgung an, die qualitätsgesichert ist. Zirka 80 Prozent der niedergelassenen Diabetolog:innenen erbringen Leistungen im hausärztlichen Versorgungsbereich und 20 Prozent im fachärztlichen. Etwa jede zweite Praxis ist als Gemeinschaftspraxis oder Berufsausübungspraxis organisiert und viele Praxen betreiben fächerübergreifende Kooperationen mit Hausärzt:innen und Internist:innen. Im Durchschnitt behandeln Diabetespraxen 1.800 Patient:innen pro Quartal.

In welche Richtungen kann man sich als Diabetolog:in weiter spezialisieren?
Die Zusatzbezeichnung Diabetologie nach der Musterweiterbildungsordnung der Bundesärztekammer kann man erwerben, wenn man einen Facharzt in Allgemeinmedizin, Innere Medizin oder Pädiatrie hat. Durch die Zertifizierung als „Diabetologin DDG und Diabetologe DDG“ lassen Sie ihr Umfeld wissen, dass Sie eine außerordentlich hohe Expertise zum Beispiel im Bereich der Diagnostik und Therapie von Diabetes mellitus Typ 1, Typ 2, Gestationsdiabetes oder MODY sowie Kompetenzen in der Adipositasbehandlung oder Diabetestechnologie besitzen.

Welche Themen werden momentan besonders stark diskutiert?
Ein intensiv und viel diskutiertes Thema ist die Heterogenität des Typ-2-Diabetes und eine 2018 erstmals in die Diskussion eingebrachte neue Klassifikation des Diabetes anhand phänotypischer Charakteristika von Patient:innenclustern. Gesundheitspolitisch und wissenschaftlich ist die Prävention des Typ-2-Diabetes ein brennendes Thema und hierbei auch die Frage, welche Populationen besonders gut oder besonders schlecht auf bestimmte Präventionsmaßnahmen ansprechen. Des Weiteren gibt es auch Fortschritte im Verständnis der Autoimmunität bei Typ-1-Diabetes.

Welche Vorurteile und Fehlwahrnehmungen Ihres Fachbereichs würden Sie gerne einmal korrigieren?
„Das bisschen Zucker“ behandelt ein:e andere:r Fachkolleg:in einfach einmal mit, heißt es häufig. Aber Diabetes ist eine hochkomplexe und facettenreiche Erkrankung, in der ein fundiertes Wissen im Bereich der Diabetologie helfen kann, Menschenleben zu verlängern.

Menschen mit Diabetes haben ein bis zu 2,6-faches Risiko eines frühzeitigen Todes im Vergleich zu Menschen ohne. Ihre Lebenserwartung ist im Durchschnitt um etwa fünf bis sechs Jahre kürzer. Etwa jeder fünfte Todesfall (16 Prozent) in Deutschland ist mit einem Typ-2-Diabetes-assoziiert – durch Folge- und Begleiterkrankungen wie etwa Herzkreislauferkrankungen. Dies deutet auf eine erhebliche Unterschätzung der Krankheit in der offiziellen Todesursachenstatistik hin. Insbesondere Frauen und jüngere Personen haben ein erhöhtes diabetesbedingtes Mortalitätsrisiko. Männliche Diabetespatienten haben im Vergleich zu einem Altersgenossen ohne Diabetes eine um vier bis sechs Jahre reduzierte Lebenserwartung, während Diabetespatientinnen etwa fünf bis sieben Jahre früher als stoffwechselgesunde Frauen sterben.

Da sich der Beitrag an junge Ärzt:innen richtet: Welche konkreten Nachwuchsförderprogramme bietet Ihre Gesellschaft an?
Die DDG betreibt auf ihrer Homepage eine Hospitations-,PJ- und Famulaturbörse, die Studierende und angehende Ärzt:innen bei der Suche nach Aus- und Weiterbildungsstellen unterstützt.

Wir haben eine Arbeitsgemeinschaft „AG Nachwuchs“, die auf unseren Kongressen hervorragende Nachwuchstage und Mentoringprogramme anbietet. Die DDG fördert den Nachwuchs im Rahmen der nationalen und internationalen Kongresse der Diabetologie (Diabetes Kongress, Diabetes Herbsttagung, EASD) durch die Vergabe von jährlich zirka 200 Reisestipendien. Die AG Nachwuchs veranstaltet zudem seit 2019 den „Student’s Diabetes Day“, der jedes Jahr in verschiedenen Städten stattfindet und Studierende der Medizin, Biologie und Biotechnologie über Typ-1- und Typ-2- Diabetes, Folgeerkrankungen und Karrieremöglichkeiten informiert.

 


© DDG/Deckbar

Prof. Dr. med. Monika Kellerer ist Fachärztin für Innere Medizin, Diabetologie und Endokrinologie und als ärztliche Direktorin des Zentrums für Innere Medizin 1 am Marienhospital Stuttgart tätig. Seit 2019 ist sie darüber hinaus Präsidentin der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG).

 

 

Beitragsbild: © Pixabay/Steve Buissinne

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